Aristokrat Im Reihenhaus (SPEX Music zur Zeit, July 1984)

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  • SPEX july 1984

  • SPEX july 1984

Published at July 2, 1984

by Karl Lippegaus.

Er wohnt zusammen mit einer schönen Japanerin im obersten Stockwerk eines unauffälligen Reihenhauses. In diesem Stadtteil von London leben Menschen, die weder besonders arm noch besonders reich sind, und scheinbar doch was vom guten Leben verstehen. Als ich durch die kleinen Straßen gehe und nach dem Haus von David Sylvian suche, denke ich, hier mieten die letzten Aristokraten dieser Welt preiswerte aber repräsentative Appartments für ihre höheren Töchter, damit die vor ihrer Hochzeit auch mal woanders gewohnt haben. Hinter irgendeiner Gardine dieser hübschen Häuser sitzt wahrscheinlich die zukünftige Grace Kelly und telefoniert mit zuhause.

David und seine Freundin stehen lä­chelnd an der Tür. Hinter ihnen blickt neugierig eine graue Katze mit großen Au­gen aus der Küche. Noch etwas schüch­tern die Begrüßung. Eigentlich wollte er gar kein Interview geben, denn er ist mißtrauisch geworden gegenüber der Musik­presse und kritisiert dabei auch das eigene Verhalten aus früheren Zeiten. Die Sätze des ex-Japan-Sängers kommen zögernd, begleitet von vorsichtigen Blieken.

»Ich habe mich selbst damals hinter einem bestimmten Image versteckt. Das tue ich nicht mehr. Sowas führt ja nur in die Irre. Ich finde nicht, daß jemand, der eine Musik gemacht hat, sich auch noch groß vor ihr aufbauen sollte. Musik muß für sich selbst bestehen können, ohne den Künstler, und sie muß ein Eigenleben entwickeln. Wenn Du Dich dauernd vor ihr aufbaust in Interviews, TV-Shows, Livekonzerten usw., dann verkaufst Du am Ende nur Dich selbst als Person. Wenn Du vom Bildschirm wieder ver­schwindest, werden Deine Platten mit Dir verschwinden, und die Leute werden Dir nicht mehr zuhören. Man hatte sich ja nur für Dein Image interessiert und für das, was Du nach außen projiziert hast.«
In dieser Hinsicht braucht David Syl­vian tatsächlich erstmal gar nicht viel zu tun. Er sieht auch in natura fantastisch aus. Das ist eben so. Man könnte mit ihm 3 Tage lang das Londoner Abwässersy­stem erkunden, ihn anschließend rück­wärts durch die Gartenhecke im Schloß­park der Königin ziehen, und ich bin sicher, er würde noch immer gut aussehen. Da braucht er gar nicht viel zu machen. Aber wie das mit schönen Menschen so ist, irgendwann kommen sie alle drauf, daß die anderen immer so häßliche Sa­chen von ihnen wollen. Also ehrlich, aus der Ferne betrachtet habe auch ich von Sylvians früherer Gruppe Japan lange Zeit gedacht, was ist das bloß für ein affektierter Haufen von Friseuren! Das Cover zu » Tin Drum« war exakt einem Foto aus ei­nem französischen Bildband über China nachgestellt und zeigte unseren Helden gut angezogen, mit schöner Brille, tadel­loser Frisur und nachdenklich seinen Reis schaufelnd, unter dem Bildnis des Vorsit­zenden Mao. Das konnte man vielleicht noch als Witz verstehen. Als David in » The Face« erzählte, er wohne ganz be­scheiden in einem einzigen Zimmer, lese viel und benutze ein ganz bestimmtes After Shave, da mochte ich ihm schon nicht mehr so ganz folgen. Als Japan auf ihrem Cover zur »Canton»-12″ einen armen chi­nesischen Landarbeiter abbildeten, da platzte mir fast der Kragen. Aber leider gab es hin und wieder so gure Ansätze in ihrer Musik, daß man ihnen eigentlich nicht total den Rücken zukehren konnte.­
Ihr ’80er Song »Nightporter« war eine schöne Ballade, und davon gab es damals wenige. Besser noch war »Ghosts« von der »Tin Drum«-LP. Irgendwas war da je­denfalls.

Unser Treffen in seiner Londoner Wohnung kam nur durch private Vermitt­lung von Holger Czukay zustande. Ge­meinsame Projekte sind für die nahe Zu­kunft geplant, aber erstmal können wir erleben, was die beiden auf der zweiten Seite von David Sylvians »Brilliant Trees« spielen. Jon Hassell unternimmt Sphären­flüge auf seiner Trompete, die einem den Wüstensand der Sahara und die Höhen­luft von Kathmandou ins Gesicht blasen. Durch Czukays mystische Klangbotschaf­ten aus dem Diktaphon erhält die Musik eine zusätzliche, tragende Dimension, und das im Flüsterton.
David arbeitet hier mit einem Mann namens Steve Nye zusammen, der einer der besten englischen Produzenten ist und, laut Aussagen der Beteiligten, ein wonderful human being«. Steve Nye ist nicht der Typ des zum Produzenten arri­vierten Toningenieurs, der seinen Erfolgs­sound am Mischpult einmal einstellt, und so eine ganze Produktion durchzieht. Er ist selbst Musiker und fühlt sich unmittel­bar betroffen von dem, was auf beiden Seiten der Trennscheibe zwischen Regie­raum und Studio passiert. Dieser Mann denkt musikalisch und er inszeniert in Form von Klangbildern die Stücke. Jeder Song muß ein eigenes Gesicht und Innen­leben erhalten. Ständig experimentierten Sylvian und Nye für diese Platte mit neu­en Aufnahmeverfahren und diskutierten verschiedenste Möglichkeiten der Realisa­tion.

David Sylvians erstes Soloalbum nach seiner Trennung von Japan hat eine äußerst schwierige Geburt hinter sich. Man hätte sich das ganze Unternehmen vielleicht auch leichter machen können, indem man ein paar teure Studiohengste in New York zusammengetrieben hätte, mit einem Hitproduzenten wie Trevor Horn oder Nile Rodgers an der Spitze.
Trotzdem das Wagnis mit Holger Czukay und Jon Hassell. Und es hätte ja auch alles schiefgehen können. Virgin Re­cords steckten zwar eine Menge Geld in die Produktion, denn Sylvians frühere Band hatte nach ihrer Auflösung noch im­mer prächtig verkauft, fase noch besser als zu ihren Lebzeiten. Aber David Sylvian hatte in Berlin, als es losging, weder einen genauen Fahrplan für die Songs und ihre Spieler, noch ist er ein Weltmeister am Klavier, der mal kurz ein paar nette Arran­gements hinwerfen kann. Als zu allem Überfluß noch Holger Czukay mie seinem seltsamen Diktaphon angereist kam, da schien sogar der sonst so coole Steve Nye für einen Moment die Nerven zu verlieren. Er konnte erstmal gar nicht lachen.
Am Ende aber bekam dieser Mann gar nicht genug von den merkwürdigen Sounds aus dem kleinen IBM-Ding des Kölners. Als Holger bei »Pulling Punches« aus dem Studio in den Kontrollraum rief: Steve, is it too much, shall I leave it out now for just a while?«, da knallte Mr. Nye mit seinem Kopf fast durch die Trenn­scheibe: »Nooo, Holger! We like that!!!« Der Knoten war geplatzt. Und alle lach­ten.

In der Woche zuvor hatten Sylvian und Nye erstmal nur mit dem japanischen Keyboardspieler Ryuichi Sakamoto im Hansa-Studio gearbeitet. Grob skizzierte Klanggerüste waren entstanden. Dann ka­men die übrigen Musiker angereist. Kaum einer kannte den anderen. Und erst viele Wochen später, nachdem er sich die Ber­liner Klangskizzen immer und immer wie­der angehört hatte, ging David mit Steve Nye in ein Londoner Studio, um zu sin­gen. Er ist ein ziemlich schüchterner Typ, dem es sogar schwerfällt, in eine Kamera zu lächeln, geschweige denn, auf einer Bühne oder in einem kalten Plattenstudio zu stehen, und von seinen innersten Ge­fühlen zu singen. Das ist kein zickiges Ge­tue.

»Ich höre nicht viel auf das, was mu­sikalisch um mich herum passiert, ob­wohl man das in einer Stadt wie London nicht so ganz vermeiden kann. Ich glau­be, ich könnte dauernd Balladen schrei­ben. Das entspricht sehr meinem Wesen. Ich habe mit dieser Form seit Jahren ex­perimentiert. Auch schon vor ,Nightpor­ter’ gab es hier und da so ein paar merk­würdig klingende Stücke. Da fand eine Progression statt und die endete bei Japan vorläufig mit ,Ghosts’. Ich dachte damals, ich hätte ein Limit erreicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, noch weiter im Bal­ladenbereich voranzugehen, bis ich Ryui­chi traf und er mich bat, Text und Gesang zu ,Forbidden Colours’ zu machen. Ich hatte vorher schon die Überschrift und ei­nige Teile aus dem Text und das Ganze fiel dann eher zufällig zu einer neuen Ord­nung zusammen. Das Wichtige daran war der Text. Es war der direkteste Text, den ich je geschrieben hatte. Vorher hatte ich mich oft hinter Dingen versteckt und sie nur ausdekoriert. Dieser Text aber gab mir den Mut, weiter zu gehen.« Er möchte Songs und Platten machen, die länger hal­ten als das durchschnittliche Popalbum. Aber nach der Auflösung von Japan gab es auch eine Phase, in der David Sylvian mit Musik überhaupt nichts mehr machen wollte. Er interessierte sich viel mehr für moderne Malerei.

»Mit Japan beschäftigte mich immer die Frage: Wie schreibt man Songs? Und ich fand eine Formel, die wir ständig praktizierten. Es gab nie eine Live-Performance auf einer Japan-Platte. Alles wurde stückweise gemacht, von der Baß- trommel bis zur Snare, dann die Baßlinie usw. Das bedeutet aber, daß der Gesamteindruck einer solchen Platte etwas kalt ist, vielleicht ein wenig überproduziert, aber mir half dieser Weg. Für uns vier war es eine Zeit des Lernens. Ich lernte Songs zu schreiben und meine vorhandenen Fähigkeiten voll auszutesten. Zu der Zeit, als die Idee mit der Soloplatte aufkam, hatte ich es gründlich satt, zuhause zu sitzen und schön konstruierte Songs zu schreiben. Ich wollte zunächst nur ein paar Basisideen fixieren. Ich wollte, daß die Leute von meiner Musik ein direktes Gefühl bekommen wie vom Betrachten eines Bildes. Mein Verhalten im Studio sollte so direkt werden wie die Aktion, die sich zwischen einem Maler und seiner Leinwand abspielt. Diese Spontaneität sollten auch alle anderen Beteiligten entwickeln. Es ist nichts Überflüssiges und Dekoratives an den neuen Songs, nichts, was bloß clever gemacht wäre. Ich wollte die einzeln sich ergebenden, disparaten Teile dann zu einer bestimmten Art zusammenbringen, der besten Art, die mir möglich ist.«

David Sylvian ist kein Musiker im fundamentalen Sinn des Wortes. Man kann ihn nicht vergleichen mit urwüchsigen Gestalten wie Charlie Parker oder Jimi Hendrix. Er ist ein Konzeptkünstler, der anderen eine Umgebung bietet, in der sie sich fallen lassen und kreativ werden.
Dazu paßt auch, daß der Engländer was von Videos, Literatur und Malerei ver­steht. Er hat selbst Bilder gemacht, die in seiner Wohnung hängen, und im Neben­zimmer steht griffbereit die Videokamera. Wenn er malt, empfindet er musikalisch.
Und wenn er seine neuen Balladen singt, denkt er in Klangbildern. Immer wieder benutzt er in unserem Gespräch das Bild von den disparaten Stücken, die zusam­menfallen oder von ihm in eine Collagen­form gebracht werden. In Berlin machte David Dutzende von Polaroids von ei­nem riesigen, alten Haus und fotografierte jeden kleinen Ausschnitt der gesamten Hausfront ab. Diese Detailaufnahmen setzte er anschliessend zusammen und er­gänzte mit Kreidezeichnung die nähere Umgebung.

Genauso sind auch viele der Aufnah­men zu »Brilliant Trees« entstanden, nur daß die im Studio entstehenden Klänge der Musiker nicht auf einen Polaroid-Film abfotografiert werden, sondern auf ein magnetisches Aufzeichnungsband. Dabei handelt er schnell, er greift ein paar Anre­gungen auf, montiert sie zusammen, und zieht sich wieder zurück. Und das ist, ir­gendwie, eine kluge Art von Pop. Ob es auch Kunst ist, darüber sollen andere spä­ter entscheiden. Es ist, was es ist.

David Sylvian holt sich Anregungen von überall her. Der Baß im ersten Stück klingt funky. Sowas ist kommerziell und kommt deshalb wohl auch an den Anfang der Platte. Ein bißchen überflüssig. Spannender wird’s erst in den folgenden Stücken, wo die offensichtlichen Zitate nicht zum Klischee werden. 1m zweiten Song erinnern die akustische Gitarre und der schnarrende Kontrabaß an die Folk­rock-Poesie von Pentangle, ohne Dexys Midnight Runners und deren dumme An­spielungen auf eine Heuernte in Latzhosen. Dann folgen inspirierte Trompetensoli und eine E-Gitarre, wie von John Abercrombie oder Mick Goodrick auf ei­ner ECM-Platte. Die Musiker malen ihre Töne genußvoll mit dieken Pinselstrichen aus. Das leicht salsainspirierte »Red Guitar« zeigt im Klaviersolo, daB Pop und Jazz noch immer intelligente Verbindungen eingehen können, ohne daß man gleich in Klischees ersticken muB. Der Text zu »Red Guitar« klingt dagegen ein bißchen aufgesetzt, mit seinem pseudo­programmatischen Gefasel von den Dingen, die das Herz des Poeten erfreuen.

Naja, ein junger Mensch wie David Sylvian darf auch mal einen Fehler ma­chen, sagt der Hausarzt. Das Beste an sei­ner neuen Platte ist die zweite Seite und die ist nun wirklich toll. Hier kann man endlich mal wieder eine Popplatte hören, ohne sich gleich beleidigt zu fühlen. Es passiert eine ganze Menge, und das ent­deckt man am besten allein, schön in aller Ruhe, und ohne daB ich dazu hier jetzt meine eigenen Beschreibungen liefere. Diese zweite Seite von David Sylvian gibt einen Eindruck von seinem wirklichen Potential. Mir fiel das zum ersten Mal auf, als ich seinen Song »Ghosts« mit Japan hörte, bei dem er nur begleitet von Ge­räuschen einen Text singt, der einem wirklich unter die Haut geht. Nach Joni Mitchell hat selten ein Popsänger die her­kömmlichen Songstrukturen so radikal aufgebrochen wie hier David Sylvian. Ra­dikal wird er selten, dieser Ästhet mit dem guten Geschmack, in dem Holger Czukay einen jungen Lord Byron der Popmusik sieht. Und Lord Byrons Gedicht mit der Überschrift »Erinnerung« scheint exakt den geliebten melancholischen Ton von Davids Balladen zu treffen: »So ist’s. Ich sah’s in jedem Traum, / Ein Strahl der Hoffnung blieb mir kaum, / Mein Tag des Glücks versank, da von / Des Unglücks Wintersturm erstarrt / Trüb meines Le­bens Morgen ward, / Freud, Hoffnung, Liebe sind entflohn – / 0 wär es auch Er­innerung schon!«.

Foto: Anton Corbijn

Special thanks to Simon Netzle for kindly providing the article.

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